Tempelhof, die "Mutter aller Flughäfen" - gemeuchelt von zynischer Hand

AOPA-Letter 06/08

Das war's! Das Unfassbare ist eingetreten: Am 30. Oktober 2008 ist Tempelhof geschlossen worden. Die Welt fasst sich an den Kopf und will es nicht wahr haben, und doch ist es wahr. Die Mutter aller Flughäfen ist nichts weiter mehr als eine Brachfläche. Mitten in einer Metropole. Wertlos und teuer als Brachfläche – ein Juwel als innerstädtischer Flughafen. Andere Metropolen weltweit würden sich die Finger nach einem derart wichtigen Infrastrukturfaktor lecken. Ein Business-Airport mitten in der Stadt: Welche Entwicklungsmöglichkeiten, welche Attraktion für die internationale Wirtschaft und weltweite Investoren!

 

 

„Wir brauchen den reichen Onkel aus Amerika nicht" – Mit diesen Worten wurde das Angebot von Roland Lauder, 300 Millionen Euro in die Neuausrichtung von Tempelhof zu investieren, kommentiert, ohne Lauder auch nur zu empfangen und sich dessen Konzept einmal erklären zu lassen. Ähnlich ging es der Deutschen Bahn, die mit einem Logistikverbund unter Einbeziehung des Flughafens aufwarten wollte: Nachdem Herr Mehdorn mit Häfen (Hamburg) gescheitert sei, kümmere er sich jetzt um Flughäfen, tönte es aus dem Roten Rathaus.

 

„Wir brauchen den reichen Onkel aus Amerika nicht" – man möchte hinzufügen: „Uns reicht Harz IV". Und wenn wir Geld brauchen, verklagen wir den Bund beim Bundesverfassungsgericht auf Übernahme der Schulden Berlins. So kann nur einer reden, der in einem Subventionsbiotop aufgewachsen ist. Warum Berlin für internationale Investoren attraktiv machen, wenn Geld doch vom Himmel regnet?! „Berlin ist arm, aber sexy." Na ja ... Offensichtlich reklamiert man im Roten Rathaus für den letztgenannten Aspekt eine besondere Kompetenz. Aber dass Berlin arm ist, ist kein unabänderliches Gesetz. Daran kann man etwas ändern – wenn man es denn will.

 

„Wir brauchen den reichen Onkel aus Amerika nicht" – wie peinlich! Ist denn im Roten Rathaus völlig unbekannt, dass Roland Lauder der Präsident des Jüdischen Weltkongresses ist? Wie müssen solche Töne aus Berlin auf die Weltöffentlichkeit wirken? Und wie viele andere Investoren aus diesen Kreisen hat man auf diese Weise gleich mit abgeschreckt? Man könnte vor Scham in den Boden versinken.

 

Wer so redet, der kommt nirgendwo her und geht nirgendwo hin. Keine Vergangenheit, keine Zukunft. Es zählt offensichtlich nur das hier und jetzt und die Genugtuung, es allen anderen gezeigt zu haben. Sensibilität im Umgang mit der deutschen Geschichte? Und andererseits Respekt vor der Geschichte Berlins und der Luftfahrt? Welche Geschichte?? Lass uns lieber feiern – egal was! Und wenn es die Schließung eines Flughafens ist, eines Wirtschaftsfaktors ersten Ranges. Welch ein Zynismus! Welche Ignoranz!

 

 

Es tröstet ein wenig, dass es viele Menschen gab, die anders gedacht haben, auch wenn sie sich am Ende nicht durchsetzen konnten. 530.000 Berliner haben sich aktiv für die Offenhaltung Tempelhofs eingesetzt, indem sie beim Volksentscheid mit „JA" gestimmt haben. Das hat zwar die notwendigen 25 % nicht erreichen können, sieht aber anders aus, wenn man sich vergegenwärtigt, dass Tempelhof weitestgehend ein „Westthema" war. In den betroffenen Westberliner Bezirken erreichte die Zustimmung Quoten von bis zu 39 %. Denjenigen, die sich für den Volksentscheid stark gemacht haben, insbesondere der ICAT und der CDU mit Friedbert Pflüger, muss an dieser Stelle nochmals Anerkennung und Dank ausgesprochen werden.

 

Auch dies tröstet ein wenig: Es gibt Politiker, die sind Vernunftsargumenten zugänglich. Auch wenn die CDU in früheren Jahren die Schließung von Tempelhof mitbeschlossen hat, so spricht es für die Souveränität ihres Führungspersonals, sich an den veränderten Verhältnissen auszurichten. Und die sprachen in den letzten Jahren zunehmend für einen Weiterbetrieb von Tempelhof. Die Steigerungsraten im Luftverkehr waren hier ein ganz wichtiger Punkt. Aber es soll doch den großen BBI geben!! Ja, aber gerade darum hätte Berlin Tempelhof gebraucht. Wenn BBI seine Rolle als internationaler Großflughafen wirklich spielen soll, muss er vom kleineren, ungeplanten Verkehr (Businessluftfahrt) entlastet werden. Nur so können die Kapazitäten eines Großflughafens optimal genutzt werden. Und der auf besondere Geschwindigkeit angewiesene Businessverkehr hätte in Tempelhof den idealen Standort gefunden. Berechenbar, stadtnah, attraktiv. Nur für die „Reichen"? Eins steht fest: Wir machen die „Reichen" um keinen Euro ärmer, wenn sie nicht nach Berlin fliegen. Nur Berlin wird noch ärmer durch das Fernbleiben der „Reichen" und dadurch, dass wir sie dazu bringen, ihr Geld anderswo auszugeben. Bravo! Das ist Politik zum Kopfschütteln.

 

Und die Verluste, die in Tempelhof gemacht wurden? Wenn ich ein Kaufhaus polizeilich absperren lasse, um die Kunden am Hineingehen zu hindern, muss es wahrscheinlich in absehbarer Zeit bald geschlossen werden. Nichts anderes ist mit Tempelhof geschehen: Die Fluggesellschaften wurden zunehmend nach Tegel herüberkomplimentiert. Und mit den verbleibenden Flügen konnten die Kosten natürlich nicht gedeckt werden. Dafür platzt Tegel jetzt aus allen Nähten, und zwar bis hin zum Sicherheitsrisiko. Die Verluste in Tempelhof waren doch nichts anderes als das Spiegelbild der Gewinne in Tegel. Das ist keine Politik; das ist blanker Zynismus. Zumal es überhaupt kein Nachnutzungskonzept für Tempelhof gibt. Und die Sicherung des Geländes und der Gebäude wird jährlich Millionen verschlingen.

 

So wird Tempelhof in doppelter und widersprüchlicher Hinsicht als Symbol in die Geschichte eingehen: Als Symbol für die Freiheit und den Durchhaltewillen einer Stadt, die sich gegen politische Erpressung zur Wehr gesetzt hat. Aber auch als Symbol für die Ignoranz einer Politik, der es um nichts anderes geht als um die eigene Eitelkeit. Ohne Sensibilität für die Vergangenheit, ohne Verantwortungsbewusstsein für die Zukunft. Das hat Tempelhof, das haben die Berliner, das hat unsere schöne Hauptstadt nicht verdient! Hierauf passt nur der bekannte Ausspruch von Max Liebermann: „Ich kann gar nicht soviel essen, wie ich kotzen möchte!"

 

Ich möchte an dieser Stelle nochmals und ausdrücklich allen danken, die sich für Tempelhof eingesetzt haben. Neben Friedbert Pflüger und der CDU war es am Schluss auch die Berliner FDP, die sich klar zu Tempelhof bekannt hat. Es war die ICAT und ihre Vertreter, allen voran die Herren Liscutin und Peter, die in unermüdlichem Einsatz für Tempelhof gekämpft haben, um nur einige Initiativen zu nennen. Es waren Hunderttausende Berliner Bürger, die sich für „ihren" Flughafen eingesetzt haben. Und – nicht zuletzt – viele Piloten der Allgemeinen Luftfahrt, die an den von Sundus Rifaat und der AOPA-Germany organisierten Sternflügen auf Tempelhof teilgenommen haben. Sie alle haben ganz wichtige Signale gesetzt. Sie alle haben getan, was sie konnten, selbst wenn es am Ende nichts genutzt hat. Wenn einst die Geschichte über Tempelhof richten wird, wird dies nicht unerwähnt bleiben. Tempelhof ist nicht einfach „dichtgemacht" worden. Es wurde um Tempelhof gekämpft. Die Mutter aller Flughäfen ist durch meuchelnde Hand gestorben – aber nicht einsam.

 

 

Prof. Dr. iur. Elmar Giemulla

Präsident der AOPA-Germany


AERO 2020

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