Mit 60 zum alten Eisen – EASA schickt Piloten in den vorzeitigen Ruhestand

AOPA-Letter 01/12

60+Wie bereits hinlänglich bekannt liegt nun die neue EU-Verordnung „zur Festlegung technischer Vorschriften und von Verwaltungsverfahren in Bezug auf das fliegende Personal in der Zivilluftfahrt" auf dem Tisch. Diese neue Verordnung, allgemein unter dem Kürzel EASA-FCL bekannt, wird von den meisten Luftfahrern begrüßt, in einer Zeitschrift sogar als „Meilenstein in der Vereinheitlichung der europäischen Luftfahrtgesetzgebung" bejubelt. Ob EASA-FCL nun wirklich der große Wurf ist, bleibt jedem Betrachter überlassen. Zumindest wird mit dieser Vorschrift die noch bestehende und in die Jahre gekommene JAR-FCL ersetzt und gleichzeitig um weitere Regelungen erweitert, wie zum Beispiel die Regelung zum Erwerb einer Leichtflugpilotenlizenz (LAPL). Richtig interessant und innovativ, manche sprechen sogar von revolutionär, wird die EASA-FCL aber erst, wenn der zur Diskussion stehende, von jedem unnötigen Ballast befreite Erwerb einer Instrumentflugberechtigung Eingang in das FCL-Regelwerk findet. Auch der vorgeschlagene Erwerb einer eigenständigen Instrumentenflugberechtigung nur für die Strecke wäre ein enormer Schritt in die richtige Richtung.

 

Bei aller Euphorie für die neue EASA-FCL lohnt es sich, wie bei jedem Vertrag, auch mal das „Kleingedruckte" zu lesen. Und das findet sich ganz am Ende der Verordnung. Da heißt es „Diese Verordnung ist in allen ihren Teilen verbindlich und gilt unmittelbar in jedem Mitgliedstaat." Eigentlich ist das nichts Neues. Schon seit Jahren gilt: EU-Recht ist unmittelbares Recht. Einer eigenständigen nationalen Gesetzgebung bedarf es da gar nicht mehr. Die in das Deutsche übersetzte EASA-FCL Regelung ist als Verordnung (EU) Nr. 1178/2011 im Amtsblatt der Europäischen Union am 25. November 2011 bekannt gemacht und damit zum unmittelbar deutschen Recht geworden.

 

Das hört sich erst Mal gut an und klingt nach immenser Verwaltungsvereinfachung. Aber es bedeutet auch, dass im Einzelfall deutsche Regelungen nicht mehr gelten bzw. durch die europäischen Regelungen ersetzt werden. Und das gilt nun auch für den § 127 LuftPersV, die Verordnung über Luftfahrtpersonal. Im § 127 LuftPersV ist festgelegt, dass Piloten auch nach Vollendung des 60. Lebensjahres (bis zur Vollendung des 65. Lebensjahres) in Luftfahrzeugen mit einer Mindestbesatzung von nur einem Piloten bei der gewerbsmäßigen Beförderung von Fluggästen, Post oder Fracht, beschränkt auf das Hoheitsgebiet der Bundesrepublik Deutschland, eingesetzt werden dürfen. Nach der derzeit noch gültigen JAR-FCL 1.060-Regelung wäre dies eigentlich nicht möglich. Nach JAR-FCL 1.060 dürfen Piloten nach Vollendung des 60. Lebensjahres nur dann eine gewerbsmäßige Beförderung durchführen, wenn zum einen die Besatzung aus mehrere Piloten besteht und zum anderen die anderen Piloten das 60. Lebensjahr noch nicht vollendet haben. Zum Glück hatte man beim BMVBS seinerzeit rechtzeitig erkannt, dass diese JAR-FCL Regelung unsinnig ist und in der Praxis gar nicht umzusetzen ist. Gerade in kleinen Luftfahrtunternehmen werden Maschinen eingesetzt, die sicher von einem (auch älteren) Piloten geflogen werden können. Eine 2-köpfige (Pflicht-) Besatzung würde die Betriebskosten unnötig erhöhen und die Kleinunternehmer ins Aus treiben. Für die Hubschrauberrettungsflüge, vom ADAC, der Deutschen Luftrettung und vielen anderen Organisationen betrieben, ist die 2-Mannbesatzung nicht praktikabel, und sie würde bei Noteinsätzen den verfügbaren Platz reduzieren. Der § 127 LuftPersV macht also Sinn. Eine Reduzierung der Sicherheit ist durch diese Regelung nicht gegeben und bislang auch nicht nachgewiesen.

 

ADAC FLN Frisia

 ADAC und FLN FRISIA-Luftverkehr GMBH Norddeich, zwei Unternehmen, die von der EASA-Altersbeschränkung betroffen wären.

 

 

Aber die Zeiten dieser „Sonderregelung" für die über 60-jährigen Piloten laufen mit der Einführung von EASA-FCL ab. Es gilt dann EU-Recht und damit EASA-FCL.065. Zwar lässt der Artikel 12 der EASA-FCL eine Reihe von Ausnahmen zu, die Bestimmung über die Altersbeschränkung fällt aber nicht darunter. Egal wie. Für die älteren, gewerblich tätigen Piloten um die 60 ist die EU-Verordnung ein Schock. Für die über 60 Jahre alten Piloten endet am 8. April 2012 abrupt ihre berufliche Karriere, einfach so. Sie werden von heute auf morgen arbeitslos. Die Hoffnung, dass sie danach vielleicht noch im Büro oder anderweitig eingesetzt werden können, lässt sich vielleicht bei großen Luftfahrtunternehmen verwirklichen, aber nicht bei den vielen kleinen Unternehmen mit vielleicht 5 oder maximal 10 Piloten.

 

Die von der EASA-Altersbeschränkung betroffenen Piloten haben keine Chance mehr, sich auf die Zeit „danach" vorzubereiten. Wer nun meint, dann könnten doch die betroffenen Piloten früher in Rente gehen, der irrt gewaltig. Ein Blick in die jährlich zugesandte persönliche Renteninformation zeigt, dass man vor dem 63. Lebensjahr gar keinen Anspruch auf Rente hat. Für den einzelnen betroffenen Piloten wird die neue EASA-Regelung zu einem Desaster, persönlich wie auch finanziell. Vielleicht noch laufende Kredite können nicht mehr abbezahlt werden und die persönliche Lebensplanung wird komplett über den Haufen geworfen.

 

Aber warum sollen überhaupt Piloten über 60 nicht mehr gewerblich fliegen dürfen? Wo gibt es die wissenschaftlichen Untersuchungen, die belegen, dass ein Pilot ab 60 ein Luftfahrzeug nicht mehr verantwortungsvoll allein sicher führen kann? Untersuchungen zeigen vielmehr, dass dank der zunehmenden Lebenserwartung auch der Leistungsabfall im Alter später einsetzt. Mit 60 gehört man schon lange nicht mehr zum alten Eisen. Nicht nur die Bundesregierung hat aus diesen Erkenntnissen die Konsequenzen gezogen und die Rente mit 67 eingeführt. Auch immer mehr Unternehmen bewerben ältere Menschen. Geschätzt wird bei den Unternehmen nicht nur die hohe Leistungsbereitschaft der älteren Arbeitnehmer, sondern auch deren unschätzbare berufliche Erfahrung. Dies gilt in besonderem Maße auch für die älteren Piloten. Sie verfügen über ein Flugstundenkonto, das so manchen jungen Piloten neidisch werden lässt. So berichtet ein 60-jähriger Pilot, der seit beinahe 40 Jahren im gewerblichen Verkehr die ostfriesischen Inseln anfliegt, dass er nun 18.100 Flugstunden und 84.000 Landungen im Flugbuch hat. Er ist bei den unterschiedlichsten Wettersituationen geflogen, hat Fracht und Passagiere befördert, immer unfallfrei. Er fragt sich verzweifelt, warum er jetzt damit aufhören muss.

 

Die EASA-Altersbeschränkung basiert auf überholten Erkenntnissen, die Regelung ist nicht mehr zeitgemäß. Man hat sie einfach aus der alten JAR-FCL übernommen ohne sich irgendwelche Gedanken zu machen. Nun ist sie EU-Recht geworden, in Stein gemeißelt. − Aber vielleicht doch nicht. Wie man hört, rührt sich Protest, und es gibt erste Gespräche beim BMVBS. Weitere Gespräche, auch mit EASA, sollen folgen. Vielleicht kommt es sogar zu einer Verschiebung der Einführung von EASA-FCL in Deutschland. Möglich macht dies die sogenannte EASA Basic Regulation EC 216/2008. Danach darf ein Staat Alarm schlagen und eine Ausnahme beantragen, wenn er eine bestimmte Regelung aus triftigen Gründen nicht umsetzen kann. Dieses „Schlupfloch" sollte Deutschland nutzen und damit den § 127 LuftPersV, der das gewerbliche Fliegen als Single Pilot auch nach dem 60. Lebensjahr erlaubt, weiterhin in Kraft lassen. Viel Zeit bleibt nicht mehr. Aber die Mühe wird sich lohnen.

 

Jürgen Mies

 

Fotos: imageegami/Fotolia, auto-im-vergleich.de/PIXELIO, fln-norddeich.de


AOPA Werbung

Diese Website verwendet Cookies. Wenn Sie diese Website nutzen gehen wir von Ihrem Einverständnis aus.    Datenschutzerklärung    OK